Wer wissen will, wie ein Land tickt, muss nicht nur in die Politik schauen. Auch ein Blick in Schulen um 12 Uhr ist vielaussagend.
Finnland: Der Anfang vom Ende des Znüni-Neids
Finnland verabschiedete 1943 ein Gesetz über kostenlose Schulmahlzeiten; 1948 wurde das Angebot landesweit umgesetzt. Heute haben rund 850 000 Kinder und Jugendliche von der Vorschule bis zum Ende der Sekundarstufe Anspruch auf ein kostenloses Mittagessen an jedem Schultag.
Japan: Die Kinder sind die Servicebrigade
An vielen japanischen Primarschulen essen die Kinder nicht in einer separaten Kantine, sondern gemeinsam im Klassenzimmer. Schülerinnen und Schüler übernehmen turnusmässig den Essensdienst, verteilen die Mahlzeiten und räumen danach auf. Die Menüs werden nach Ernährungsvorgaben geplant.
Frankreich: Mittagessen mit Gängen
Frankreichs nationale Vorgaben sehen bei jedem Schulmittagessen vier oder fünf Komponenten vor. Dazu gehören zwingend ein Hauptgericht mit Beilage und ein Milchprodukt; je nach Menü kommen eine Vorspeise und ein Dessert hinzu. Portionsgrössen und die Häufigkeit bestimmter Speisen sind ebenfalls geregelt.
Indien: Das grösste Mittagessen der Welt
Noch eine Nummer grösser ist Indien. Das staatliche Programm versorgt rund 118 Millionen Schülerinnen und Schüler der Klassen 1 bis 8 kostenlos an Schultagen. Es gilt als das grösste seiner Art weltweit. Die Wurzeln reichen weit zurück: Schon 1925 gab es in Madras ein Programm für benachteiligte Kinder.
Brasilien: Wenn die Schulküche den Bauern hilft
In Brasilien nützt das Schulessen gleich doppelt. Seit 2009 gilt: Mindestens 30 Prozent der Bundesmittel für das Schulessen müssen für Lebensmittel direkt von Familienbetrieben der Landwirtschaft ausgegeben werden. Die Kinder bekommen frischere Ware, die Bauern verlässliche Abnehmer.
Schweden: Gratis, und das per Gesetz
Schweden unterstützte Gemeinden mit Gratis-Schulmahlzeiten ab 1946 staatlich, 1970 gab es in allen Gemeinden Schulessen, und seit 1997 haben alle Schülerinnen und Schüler ein gesetzliches Recht darauf. Pro Jahr werden dort rund 260 Millionen Schulmahlzeiten serviert. Und es lohnt sich offenbar: Eine Studie zu einem Programm der 1960er-Jahre zeigt, dass Kinder, die ihre ganze Primarschulzeit davon profitierten, später 3 Prozent mehr verdienten.
Südkorea: Eine Diätassistentin pro Schule und ein Hummer für alle
Südkorea baute kostenlose Schulmahlzeiten seit den frühen 2010er-Jahren schrittweise aus; seit 2021 gilt das Angebot als flächendeckend, während die vollständige Umsetzung über alle Kommunen hinweg bis 2024 erfolgte. Im Februar 2024 nahmen rund 5,26 Millionen Schülerinnen und Schüler täglich teil. Die Menüs werden von Ernährungsfachpersonen geplant. Ein Gymnasium in Paju wurde zum Internetphänomen, weil es jedem Schüler einen ganzen Hummer servierte.
USA: Aus Überschüssen wurde ein Riesenprogramm
Der National School Lunch Act von 1946 sollte auch Agrarüberschüsse abbauen. Im ersten Jahr nahmen rund 7,1 Millionen Kinder teil. Im Schuljahr 2023/24 waren es fast 29,4 Millionen Schülerinnen und Schüler, davon 21,1 Millionen mit kostenlosem oder verbilligtem Mittagessen.
Kenia: Das Essen kommt vom Bauern nebenan
Kenia führte 1980 mit Unterstützung des Welternährungsprogramms ein Schulmahlzeitenprogramm für besonders ernährungsunsichere Regionen ein. 2009 startete das staatlich geführte Home-Grown School Meals Programme, bei dem Schulen Lebensmittel möglichst lokal beschaffen. Im Jahr 2018 erhielten rund 1,6 Millionen Kinder in 4048 Schulen ein warmes Mittagessen.
Estland: Gratis heisst wirklich gratis
In Estland gehören kostenlose Schulmahlzeiten zum staatlich unterstützten Bildungssystem. Aktuelle Programmdaten weisen eine nahezu flächendeckende Versorgung von Kindern im Primar- und Sekundarschulalter aus.
Und bei uns?
Traditionell gehen Schweizer Schulkinder zum Zmittag nach Hause. Eine repräsentativ gewichtete Sotomo-Befragung mit 7706 Interviews zeigt jedoch einen breiten Wunsch nach Schulen mit flächendeckenden Tagesstrukturen. Der Bedarf ist real: Laut Bundesamt für Statistik wurden 2022 insgesamt 62 Prozent der Kinder unter 13 Jahren familienergänzend betreut. 36 Prozent besuchten eine Kindertagesstätte oder eine schulergänzende Betreuungseinrichtung.
Sotomo-Studie zur Schule in der Schweiz
Ob es in der Schule ein Mittagessen gibt, hängt stark vom Wohnort ab. In Basel-Stadt bieten alle Primarschulen einen Mittagstisch an, im deutschsprachigen Teil des Kantons Freiburg und in Nidwalden sind es höchstens 25 Prozent.
Die ungleiche Verteilung
Weltweit ist die Bilanz erfreulich, aber nicht gerecht. Mindestens 466 Millionen Kinder erhalten Schulmahlzeiten, fast 80 Millionen mehr als vor vier Jahren. Doch in Ländern mit tiefem Einkommen sind es nur 27 Prozent der Kinder, in reichen Ländern 80 Prozent. Gerade dort, wo ein warmes Essen am meisten verändern würde, fehlt es am häufigsten.

Quellenverzeichnis
Finnland
· Finnische Bildungsagentur: School meals in Finland
· Espoo: School meal system, Finnish innovation
Japan
Frankreich
· Französisches Bildungsministerium: La restauration scolaire
Indien
· PM POSHAN, indisches Bildungsministerium
Brasilien
· Brasilien PNAE, Studie (UNQ)
Schweden
· Schwedische Lebensmittelbehörde: School lunches
· Review of Economic Studies: Long-Term Effects of Childhood Nutrition
· ifo Institut: Nutritious School Lunches, Life-Time Income
Südkorea
· Korea.net/MCST: Quality school meals in Korea
· School Meals Case Study: Republic of Korea
· Regierung der Republik Korea: School Meals Coalition Commitment
USA
· USDA: National School Lunch Program
· Food Research & Action Center: National School Lunch Program 2023/24
Kenia
· WFP: School Meals Programme in Kenya 2018
· APHRC: School feeding programs in Kenya
Schweiz – Studien und Betreuung
· Sotomo: Welche Schule will die Schweiz?
· Bundesamt für Statistik: Kinderbetreuung 2022
· EDK/IDES-Kantonsumfrage 2024-25: Mittagstisch Primarstufe
Weltweiter Überblick
· WFP: State of School Feeding Worldwide 2024






-p-500.png)

